Wikipedia wird als Messinstrument für die politische Stabilität von Ländern neu entdeckt. Die Ergebnisse stimmen erstaunlich genau mit denen von anderen bereits etablierten Indikatoren (WGI, EIU) überein. Die Frage die sich aber geradezu aufdrängt ist eine gesellschaftspolitische: Warum besteht in politisch stabilen Ländern kein Bedarf mehr an Diskussion?
Der Dispute-Index ist…
…ein neuer Indikator für die geopolitische Stabilität von Ländern, der von einem Heidelberger Forscherteam entwickelt wurde. Gemessen wird durch die Auswertung von Wikipedia-Diskussionen: es wird errechnet, „wie vernetzt einzelne Länder mit umstrittenen Wikipedia-Einträgen sind“, resümiert die Zeit Online, dazu wird untersucht wie oft diese umstrittenen Beiträge mit der Wikipedia-Hauptseite des Landes verlinkt wurden. Umstritten meint hier, dass ein Eintrag mindestens einmal diskutiert wurde.
Die Heidelberger Forscher stellten ihr Projekt im Fachblatt PlosOne vor und stellten fest: „The most disputed [countries] are parts of the middle east followed by other regions such as Kosovo, Bosnia & Herzegovina and North Korea. The other extreme, countries in North America and Western Europe are the least disputed, with most other countries occupying a middle range.”
Zusammenhang zwischen Diskussionsbereitschaft und politischer Instabilität
„Ein weiterer Vorteil ist, dass unser Index nicht so subjektiv ist. Er beruht nicht auf einzelnen Experten, sondern auf den Empfindungen mehrerer Menschen, die auf Wikipedia diskutieren“, zitiert die Zeit Online den Forscher Robert Russell. Das ist sicher richtig, denn es wird beim Dispute-Index mit Wikipedia-Diskussionen gearbeitet, die kontroverse Themen in dem betroffenen Land markieren. Naheliegend wäre, dass der Index darum die Diskussionsbereitschaft von Ländern erfasst. Diese Diskussionsbereitschaft scheint jedoch mit der politischen Stabilität, beziehungsweise Instabilität, zu korrelieren. Doch warum wird in instabilen Ländern mehr diskutiert als in stabilen Ländern? Naheliegend ist die Antwort, dass hier über umstrittenen politische, religiöse und anderen gesellschaftliche Problematiken kontrovers diskutiert wird, die ihrerseits für eben diese Instabilität im Land sorgen. Während dagegen in westeuropäischen und nordamerikanischen Ländern die Stabilität zu einer Diskussionsflaute geführt hat. Aber…
…wird in Deutschland wirklich nicht mehr diskutiert?
Führt also politische Stabilität zu einer Diskussionsfaulheit und damit, wenn man weiterdenkt, zur allseits gefürchteten Politikverdrossenheit? Oder finden Diskussionen in stabileren Ländern mit gesicherter Meinungs- und Pressefreiheit einfach nur über andere Kanäle und Medien statt, als das Internet und im besonderen über Wikipedia?
Kann man also über den Dispute-Index nicht viel mehr etwas über den Zusammenhang von Meinungsfreiheit im Internet (verbunden mit eingeschränkter bis nicht vorhandener Pressefreiheit in anderen Medien) und der staatlichen Stabilität gewinnen, als nur über die alleinige politische Stabilität? Dann würde auch die Forschungsmethode weniger skurril klingen.
Eine weitere These wäre, dass in westeuropäischen Ländern, die großen grundlegenden Fragen nach Religion, Gesetz und Politik schon ausdiskutiert wurden. Jetzt gibt es kaum mehr Diskussionen, in solchen Dimensionen, dass die Voraussetzungen für kollektives Handeln erfüllt würden.
Fazit
Wie repräsentativ für die politische Stabilität der Dispute-Index also tatsächlich ist und welche Facetten und weiteren Auslegungen er noch zu bieten hat, muss noch weiter untersucht und diskutiert werden. Wie wäre es mit einem Wikipedia-Artikel zum Dispute-Index? Es wäre sicher interessant zu sehen, welche Länder hier besonders viel Diskussionspotenzial sehen!
